Der Füllhalter und die Tinte

Es liegt wohl in der Natur der Sache, dass alle Erfinder zunächst ihren ganzen Ehrgeiz darauf verwendeten, Tinte durch allerlei Tricks und Kniffe in die Geräte hineinzupraktizieren und zu speichern. Sie merkten aber schnell: Erst nachdem dies gelungen ist, zeigt das Objekt Füllfederhalter seine eigentliche Tücke. Sie besteht darin, die technischen Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass die Tinte beim schreiben wohldosiert und gleichmäßig aus dem Tintenreservoir zur Feder und von ihr aufs Papier transportiert werden kann.

Die Schwierigkeiten, die sich hier auftaten, waren einerseits in den noch mangelnden naturwissenschaftlichen Kenntnissen über das physikalische Verhalten flüssiger Medien begründet, andererseits in ungeeigneten Werkstoffen und der Schwierigkeit, diese mechanisch präzise zu formen und zu bearbeiten. Nachdem das Hauptproblem, nämlich das des sicher geregelten Tintenflusses, erkannt war, versuchte man die Regulierung zunächst durch allerlei Ventile zu bewerkstelligen.

Auf diese Weise gelang es John A. Parker 1832, den b>Vorläufer des Kolbenfüllfederhalters zu bauen, bei dem ein feiner Drahtstift den Tintenfluss unterbrach, wenn sich das Gerät in Ruhestellung befand. Sicher war auch diese Methode nicht. Das begann sich erst zu ändern, als Mitte des voringen Jahrhunderts Newell A. Prince einen Füllfederhalter aus Hartgummi herstellte und ihn mit einer Frühform des Tintenleiters ausstattete. Trotz all dieser technischen Fortschritte konnten sich Füllhalter hierzulande bis zu Beginn unseres Jahrhunderts nicht als Schreibgeräte für jedermann durchsetzen.

Anders als in Nordamerika, kam bei uns eine Serienproduktion noch nicht zustande. Die Mehrzahl der Schreiber musste nach wie vor mit Stahlfeder, Federhalter und Tintenfass vorlieb nehmen.

Die Sache kommt in Fluss

Einer, der die physikalischen Gesetze, denen der kontrollierte Tintenfluss folgt, schon mehr als erahnte, war L. E. Waterman, ein Amerikaner. Er erkannte: Die aus dem Reservoir fließende Tinte muss durch Luft ersetzt werden. Und dieser Vorgang muss geregelt ablaufen. Watermann kann als Erfinder des ersten in der Praxis funktionierenden Tintenleiters gelten. 1884 erhielt er ein Patent für seine Lösung, und er war es auch, der die erste Serienfertigung von Füllhaltern aufnehmen konnte, weile seine Füllfederhalter die Schreiber davon überzeugten, dass sie für den Alltagsgebrauch tauglich waren.

Mehr als 20 Jahre nach dieser Erfindung lieferte dann die Wissenschaft die Begründung nach, warum Watermans Füllfederhalter so gut funktionierte. Weiter verbessert wurde der Tintenleiter dann in England. Aus diesem Land und aus den USA kamen die ersten Füllhalter auf deutsche Schreibtische, das Stück zu zehn Reichsmark. Was beim damaligen Wert der Mark vermuten lässt, dass Füllfederhalter damals äußerst rare Gegenstände waren, weil sie auch eine wohl gefüllte Brieftasche voraussetzten. Zu dieser Zeit war auch bereits der sogenannte Sicherheitsfüllfederhalter entwickelt worden. Seine Benutzer sollten nun vor überraschendem Tintenfluss wirklich sicher sein können, so jedenfalls die Werbesprüche der Hersteller.

Die Praxis zeigte jedoch, dass dieses Sicherheitsversprechen nur galt, wenn man die Geräte keiner Extremsituation aussetze. Sie war aber schon dann gegeben, hielt man das Gerät mit offener Feder längere Zeit nach unten gerichtet. Nachdem dann die Frage, wie die Tinte sicher und gleichmäßig aus dem Füllfederhalter herauskommt, schließlich doch zufrieden stellend beantwortet worden war, ging es wieder darum, das Befüllen zu vereinfachen.

Gegenüber allen möglichen (und unmöglichen) Systemen setzte sich schließlich das des Kolbenfüllhalters durch. Nun begannen auch deutsche Hersteller von Schreibgeräten mit der Serienproduktion. Anfang der zwanziger Jahre begann schließlich der eigentliche Siegeszug des Füllfederhalters in Deutschland; die Benutzer hatten die Wahl unter einer Vielzahl von Modellen der verschiedensten Fabrikate.

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Lamy

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Quelle: Lamy